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Ortsverbandssprecher Josef Glawion half einen Tag bei der Tafel in Paderborn aus.

DIE LINKE. OV Bad Lippspringe

Ein Tag bei der Tafel in Paderborn - ein Erfahrungsbericht

Angelieferte Lebensmittelspenden von den Supermärkten.
Die Tafel in Paderborn versorgt kreisweit ca. 3.500 Menschen mit Lebensmitteln.
Lebensmittel werden zunächst grob vorsortiert und anschließen auf Qualität überprüft ehe sie an die Menschen ausgegeben werden.

Die Schere zwischen Arm und Reich wird in Deutschland immer größer. Fast jedes fünfte Kind lebt in Armut und die Tafeln müssen immer mehr Menschen versorgen. Auch die Tafel in Paderborn, die auch Bad Lippspringe versorgt, ist von dieser Entwicklung nicht ausgenommen. Unser Ortsverbandssprecher Josef Glawion wollte sich ein genaueres Bild von der Arbeit der Tafel machen und half einen Tag lang aus.

Fast jeder fünfte (17,4 % waren es im Vor-Corona-Jahr 2019) ist von Armut gefährdet oder von Armut betroffen und besonders bei Kindern und Rentnern steigt die Armut auch über die prekären 20 %. Gleichzeitig stagniert die Lohnentwicklung seit Jahren während Stromkosten, Benzin, Mieten und andere Lebenshaltungskosten in schwindelerregende Höhen klettern. Das sich verändernde Klima sorgt für Dürren und begünstigt das Baumsterben. Krankheiten bedrohen die Gesundheit der Menschen und die Wirtschaft.

Die Rede ist nicht von einem Land der sog. „dritten Welt“ oder einer Gesellschaft aus einem dystopischen Endzeitroman, sondern es ist die Rede von Deutschland. Dem Land, des Wirtschaftswunders und der Dichter und Denker. Wahrscheinlich wurde zu viel Energie in die Aufarbeitung des CumEx Skandals, das Vertuschen von Behördenversagen im Fall WireCard, die Aserbaidschanaffäre, fragwürdige Maskengeschäfte und andere Lobbyaktivitäten investiert. Von der Überforderung hinsichtlich des Flüchtlingsmanagements ganz zu schweigen.

Bei den vielen düsteren Nachrichten, der letzten Zeit, haben es die guten Nachrichten leider sehr schwer. Aber es gibt sie.

Eine dieser Erfolgsgeschichten ist die Tafel.

Die Tafel wurde von einer Gruppe von Frauen (Berliner Frauen e.V.) gegründet und ist als Tafel Deutschland e.V. organisiert. Die erste Tafel nahm ihre soziale und gemeinnützige Arbeit in Berlin im Jahr 1993 auf. In 28 Jahren hat sich die Zahl der Tafeln nahezu vertausendfacht (im Jahre 2019 waren es 947 Tafeln). Die Tafel in Paderborn gibt es seit 21 Jahren und auch hier hat sich die Anzahl der Kunden in den Dekaden exponentiell vervielfacht. Bei der Tafel werden Lebensmittel an Menschen ausgegeben die sich in prekären Lebenssituationen befinden. Hierzu zählen Rentner, Arbeitslose, Asylbewerber und Flüchtlinge, genauso wie Großfamilien. Manche Tafeln legen auch eine Einkommensobergrenze fest. Durch die große Nachfrage muss ein Berechtigungsschein für die Tafel beantragt werden. Die Tafeln sind hauptsächlich durch Spenden finanziert.

Mein Tag bei der Tafel

„7:45 Uhr kannst du anfangen.“ der Leiter der Tafel in Paderborn, Wolfgang Hildesheim, klang am Telefon bestimmt und schien sofort einen Plan zu haben, mit welchen Fahrern ich unterwegs sein würde und wie mein Programm für den freiwilligen Tag bei der Tafel aussehen würde. Es klang eine gewisse Besorgnis, ob 7:45 nicht zu früh für mich sei, durch. Was für mich, der ich jahrelang in Frühschicht gearbeitet habe, fast schon einer Beleidigung gleich kam.

Ich bin zu früh da, viel zu früh,... und trotzdem herrschte schon geschäftiges Treiben. Schnell werde ich an Toni verwiesen der, während er mir die Lager, Kühlkammern, Spinde, Kaffeemaschine (die Kaffeemaschine war ihm besonders wichtig), Aufenthaltsräume zeigte, immer nach Organisatorischen Dingen gefragt wurde. „Wo sind die Schürzen?“ „Es fehlen Handschuhe“ oder „Wer fährt heute nach Delbrück?“. Jeder bekommt eine Antwort und langsam fragte ich mich wie der ruhige Toni, der sich selbst als Mädchen für Alles bezeichnet, einen Überblick über das geschäftige Treiben behalten und nebenbei noch meine Fragen beantworten kann.

Die Tafel in Paderborn betreut ca. 3500 Menschen im Kreis und somit auch viele Menschen in Bad Lippspringe. Diese Herkules-Aufgabe wird durch gerade mal zwei Festangestellte, einem Heer aus freiwilligen Helfer*innen und/ oder Mitarbeiter*innen aus verschiedenen Maßnahmen ermöglicht. Voller Staunen frage ich mich, wie es möglich ist die riesigen Lager, Kühlbereiche, den Fuhrpark von mittlerweile sechs Transportern und einem 7,5 Tonner, der Ausgabe und einen Secondhand Laden zu leiten.

Bevor ich jedoch meinen Unglauben äußern kann, werde ich an Theo und Heiko verwiesen. Zusammen sollen wir eine „Tour“ machen. Theo hat graue, ordentlich gestylte Haare und eine drahtige Figur. Er ist Frührentner und erzählt, dass er durch Zufall bei der Tafel gelandet ist. Bei einer Radtour hat er hier eine Pause gemacht und ist ins Gespräch gekommen. „Ich helfe gerne und bevor ich den ganzen Tag zu Hause sitze fahre ich lieber für die Tafel.“

Während der Fahrt und im Laufe des Tages erfahre ich mehr über meine Begleiter und langsam beschleicht mich das Gefühl, dass ich mit Menschen arbeite, die genauso in einem Roman von John Steinbeck auftreten könnten: Die Mutter von sieben Kindern, die trotz frisch operiertem Knie und großen Schmerzen ihre Arbeit leistet, dem Sozialarbeiter dem viele Erlebnisse aus seinem Beruf so zugesetzt haben, dass er hier etwas Abstand vom Leid der Großstadt sucht, dem Raser mit einem getunten Roller, der hier seine Sozialstunden ableistet (die Geldstrafe hätte der nun bald zweifache Vater von seinem Gehalt nicht zahlen können), die 1€ Jobberin, die sich keine andere Arbeit vorstellen kann und meine Einwände, dass 1€ für Arbeit keine faire Bezahlung ist, mit „Ich finde sonst nichts“ abtut. Die bereits erwähnten Rentner, die freundliche Helferin beim Sortieren von Gemüse, deren Mann im Rollstuhl sitzt und die große Angst davor hat fotografiert zu werden. Jeder hier hat eine Lebensgeschichte, die weit entfernt von dem ist, was einem gesellschaftlichen Normativ entspricht und jeder trägt dazu bei, dass Menschen geholfen wird, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden.

Theo fährt umsichtig und sicher, er war bis zu seinem Unfall, der ihm zum Frührentner machte, Fernfahrer und scheint jeden Song, der im Radio gespielt wird, zu kennen. Später finde ich heraus, dass er mehrere Instrumente spielt. Wir halten vor dem ersten Supermarkt. Es werden Kisten ausgeräumt und ich versuche zu helfen, habe aber das Gefühl, dass ich die perfekte Choreographie nur störe. Die vom Supermarkt bereitgestellten Waren wie Gemüse, Obst, Tiefkühlwaren (TK) und Brot werden sortiert und in unterschiedlichen Kisten verstaut. Grün für Obst und Gemüse, Rot für TK und Braun für Brot. Diese Kisten landen schließlich wieder auf der Transportfläche und schon geht die Fahrt weiter. „Es geht nicht immer so schnell, manchmal kommen wir auch mit den Angestellten ins Gespräch.“ wird mir erklärt. Nachdem wir vier Supermärkte abgeklappert und die unterschiedlichsten Lebensmittel in den verschiedensten Zuständen aufgeladen haben, hoffe ich auf ein ausgedehntes Gespräch mit Angestellten eines Supermarktes. Leider ist vorher die Transportfläche schon voll und die Tour endet mit dem Abladen der Kisten in der Bayernstraße 58 in Paderborn.

Die Kisten werden gestapelt und in die Halle zum Sortieren gebracht. Bei der ersten Fahrt stürzen meine Kisten um, sofort sind viele helfende Hände zur Stelle. „Das ist mir auch schon mal passiert“ werde ich beruhigt.

Dann bekomme ich von Silke eine Einweisung in das Sortieren der Lebensmittel. Die Lebensmittel von den Lieferungen werden vor die Tische aus Edelstahl gestellt und auf dem Tisch sortiert. Dankbar überlässt man mir das Wuchten der schweren Kisten. Das Gemüse, welches ich sortiere ist zu einem großen Teil verdorben, Schimmel, Verfärbungen oder puckige Stellen können ein Ausschlusskriterium sein. Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist jedoch kein Ausschlusskriterium. Es gibt eine Liste darüber, wie lange Lebensmittel abgelaufen sein dürfen. Am Besten schneidet hier Käse ab. Silke lobt mich, als ich eine Tüte mit Salat der schon zu einem breiigen Matsch geworden ist direkt wegschmeiße. „Zum Glück hast du das nicht aufgemacht. Das hat hier mal jemand gemacht und das hat vielleicht gestunken.“ lacht sie. Ich bin empört darüber, wie viel von den Lebensmitteln weggeworfen werden muss, aber das scheint hier niemanden zu stören. Das gehört einfach dazu und die Abfälle werden an einen Bauern weitergegeben. Was der wohl mit dem Salatmatsch in der Plastiktüte macht?

Kartoffeln, Zucchini, Möhren, Salat, Kohl, Tomaten, Radieschen,... werden sortiert und irgendwann sehe ich, dass keine neuen Kästen mehr geliefert werden. Die Tische und der Boden werden geputzt. Alle arbeiten zusammen und ich stehe im Weg.

Endlich finde ich Zeit mit dem Leiter der Tafel zu sprechen. Er erzählt mir von der steigenden Nachfrage und von Mehrausgaben, die durch die neuen Hygieneauflagen nötig waren, zwischenzeitig wurde sogar ein Bringdienst eingerichtet und schließlich kontrollierte das Ordnungsamt regelmäßig die Einhaltung der Corona-Auflagen. Im letzten Jahr sind die Anmeldeanträge der Tafel auf bis zu 30 pro Tag angewachsen. Um den gestiegenen Andrang zu bewältigen wird überlegt auch noch am späten Nachmittag zu arbeiten, aber für diese Aufgabe muss es auch freiwillige Helfer geben. „Das Ehrenamt stirbt aus“ prognostiziert Hildesheim düster. Dann gibt es noch die bürokratischen Hürden. Hier lobt er besonders die Stadt Bad Lippspringe und das Engagement der Linken, welches in der Vergangenheit zu einer großen Spende geführt hat. Auch die Schließung des Secondhand Laden wegen der Corona- Auflagen hat zu einem großen Umsatzverlust geführt.

„Das große Sterben kommt erst noch.“ sagt er schließlich und meint damit viele Firmen und Geschäfte. Für die Tafel bedeutet eine Welle an Insolvenzen von lokalen Unternehmen den Wegfall von vielen Spendern und Unterstützern. „Viele Spender haben bald selber kein Geld.“ meint er. Dann erzählt er, dass alleine in Bad Lippspringe 90 bis 100 Haushalte versorgt werden, was ungefähr 300 Personen entspricht.

Während er von Rentnern erzählt, die sich nach einem langen Arbeitsleben schämen zur Tafel zu gehen und darum bitten anderen Ausgabegebieten zugewiesen zu werden, um nicht gesehen zu werden, entladen helfende Hände weitere Transporter. Ich frage zwischenzeitlich danach, wie man der Tafel am Meisten helfen kann. Durch Spenden, lautet die Antwort.

Dann wird mein Name gerufen: „Wolltest du nicht bei der Essensausgabe helfen?“. Es ist schon 13 Uhr. Die ersten Kunden haben sich schon vor zwei Stunden in der langen Warteschlange eingefunden. Ich denke darüber nach, wann ich das letzte Mal so lange auf etwas gewartet habe und breche meine Überlegung schnell wieder ab, weil das Ergebnis bestimmt nicht so wichtig wie Nahrungsmittel sein wird.

Gängige Vorurteile über die Kunden der Tafel möchte ich an dieser Stelle deutlich widerlegen, denn bei den Menschen, die ich an diesem Tag bedienen durfte, handelt es sich um den normalen Durchschnitt der Bevölkerung. Vielleicht waren etwas mehr alte als junge Menschen vertreten.

Mit großer Sicherheit höre ich an diesem Tag häufiger ein Danke, als jemals zuvor. Durch die Regel Abstand zu halten und die Begrenzung der Personenanzahl in geschlossenen Räumen, dauert die Ausgabe des Essens sehr lange. Am Eingang wird die Berechtigung Essen von der Tafel zu beziehen geprüft und jedem Kunden eine Nummer zugewiesen, die eine Aussage über die Größe des Haushaltes gibt: 2-0 bedeutet zwei Erwachsene und keine Kinder, während 1-3 für einen Erwachsenen mit drei Kindern steht. Wenn es Kinder im Haushalt gibt, dann wird Schokolade und etwas mehr von der Kühltheke verteilt. Dieses Mal wurde viel gespendet, also gibt es auch viel zu Essen. Irgendwann ist der Letzte gegangen und wieder weiß jeder was zu tun ist. Die Halle wird wieder gemeinsam gereinigt und dann geht ein Tag voller guter Taten zu Ende.

Ein Wort zum Schluss

Es gibt Vieles worüber diskutiert werden darf und es gibt Dinge die gemacht werden müssen. Zu Letzterem zählt es, dass ein jeder Mensch in unserem Land zu Essen hat. Das die Notwendigkeit besteht, hier in Deutschland darauf aufmerksam machen zu müssen, ist ist ein Armutszeugnis.

Deswegen startet DIE LINKE mit allen Organisationen und Parteien, die sich beteiligen wollen, demnächst einen Spendenaufruf, um der Tafel weiterhin zu ermöglichen, den Menschen zu helfen, die auf Hilfe angewiesen sind. Darüber hinaus versichert DIE LINKE, dass sie weiter gegen Altersarmut und den Abbau des Sozialsystems kämpfen wird, um Gerechtigkeit und ein würdiges Leben für Alle zu ermöglichen.

 


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Quelle: www.vermoegensteuerjetzt.de